VW Zuliefererstreit

Streit

Der Streit zwischen Volkswagen und seinen Zulieferern geht in die nächste Runde. Ab Montag wird in den Werken in Wolfsburg und Zwickau die Produktion kurzfristig eingstellt, bedingt durch einen Lieferstopp seitens der Zulieferer. Betroffen sind laut Medienberichten rund 20.000 Mitarbeiter von Volkswagen.

Grund für die Streitigkeiten seien laut Zulieferer vertragswidrige Maßnahmen seitens VW. Der Volkswagen-Konzern rechtfertigt seine Maßnahmen durch festgestellte Qualitätsmängel bei den Zuliefererteilen.

Während es für Aussenstehende ohne genaue Kenntnis des Sachverhaltes schwer ist, sich hier ein objektives Urteil zu bilden, so verdeutlicht dieser Streit doch einen oft vernachlässigten Aspekt des Business Developments: die Geschäftsbeziehungen.

Geschäftsbeziehungen stellen neben dem Markt und den Kunden die Definition des externen Teils des ganzheitlichen Business Developments, die Geschäftsentwicklung, dar.

Die Geschäftsbeziehungen beschreiben die Organisation und das Zusammenwirken von Unternehmen mit Partnern, Kunden und im weiteren Sinne mit Stakeholdern allgemein.

Im Rahmen des Business Developments sind hier besonders zwei Fragen von Bedeutung:

(1) Welche bestehenden Geschäftsbeziehungen sind wichtig für unser Unternehmen und wie können wir diese verbessern?
(2) Welche neuen Geschäftsbeziehungen müssen wir entwickeln, um unsere strategischen Ziele zu erreichen?

Wie man den Medienberichten entnehmen kann, sind die Beziehungen innerhalb der Lieferkette in der Automobilindustrie keineswegs nur von Harmonie gekennzeichnet. Eine Verschlankung der Lieferkette mit enormen logistischen Koordinationsanforderungen, zeitkritischen Produktionsabläufen sowie ein horrender Kostendruck vor dem Hintergrund des globalen Wettbewerbs stellen eine enorme Herausforderung an die gesamte Lieferkette dar. Machtspiele sowie die Nichteinhaltung von vertraglichen Vereinbarungen zwingen kleinere Firmen zudem nicht selten in die Insolvenz.

Auch die zusätzliche wirtschaftliche Belastung von VW durch den Abgasskandal trägt nicht gerade zur Entspannung der Situation bei.

Ein aktives Beziehungsmanagement hat hier also durchaus seine Daseinsberechtigung.

 

Kooperationsbeziehungen klassifizieren

Die US-amerikanischen Managementforscher Peter S. Ring und Andrew H. van de Ven haben sich intensiv mit der Thematik von Kooperationsbeziehungen zwischen Unternehmen innerhalb der Wertkette beschäftigt. In einem bereits 1992 erschienenen Artikel klassifizieren sie die unterschiedlichen Arten von Beziehungen von Unternehmen innerhalb der Wertkette anhand von Transaktionsrisiko und Vertrauensbasis.

Ist das mit einer Transaktion verbundene Risiko gering und die Vertrauensbasis zwischen den Transaktionspartnern ebenfalls gering, dann ist die Beziehung eher kurzfristig ausgelegt und Käufer und Verkäufer sind grundsätzlich autonom, also nicht aneinander gebunden. Der Mangel an Vertrauen wird hier durch anzuwendende (Vertrags-)Rechtprinzipien ersetzt. Diese Art der Beziehung kann gut mit dem Begriff "Cash'n'Carry" (market-based transactions) charakterisiert werden.

Ist das mit einer Transaktion verbundene Risiko sowie die Vertrauensbasis zwischen den Parteien dagegen hoch, dann ist in der Regel die gegenseitige Abhängigkeit hoch und die Geschäftspartner sind durch langfristige, bilaterale Investitionen und Projekte eng miteinander verflochten. Hier kann man also von einer "Interessensgemeinschaft" (relational transactions) sprechen.

Dazwischen gibt es dann noch zum einen die "Wiederholungstäter" (recurrent transactions), mit geringem Transaktionsrisiko und einer großen Vertrauensbasis. Auch hier sind die Parteien relativ autonom, aber durch gesunkene Investitionen und die daraus resultierenden, sich wiederholenden Transaktionen locker aneinander gebunden.

Die "Befehlsgewalt" (hierarchical transactions) schliesslich ist charakterisiert durch ein hohes Transaktionsrisiko sowie eine niedrige Vertrauensbasis. Die Parteien haben stark asymmetrische Verhandlungsmacht und sind durch transaktionsspezifische Investitionen aneinander gebunden. Der Größere diktiert hier praktisch dem Kleineren seine Bedingungen.

Die Klassifizierung von Kooperationsbeziehungen nach Ring und van de Ven verdeutlicht die verschiedenen Arten von Beziehungen, die Unternehmen basierend auf der Annahme, dass Transaktionsrisiko sowie Vertrauensbasis zwei voneinander trennbare Konzepte sind, bei ihren Transaktionen miteinander eingehen. Ein aktives Beziehungsmanagement kann hier helfen, die Vertrauensbasis aufzubauen und so die Transaktionsrisiken zu mitigieren.

 

Was bedeutet das für mein Unternehmen?

  • Die aktuelle Eskalation des Streits zwischen VW und seinen Zulieferern unterstreicht die Bedeutung von Geschäftsbeziehungen zwischen Unternehmen, egal ob Partner, Kunden oder Stakeholder, und deren Auswirkungen auf die Geschäftstätigkeiten.
  • Das Modell von Ring und van de Ven bietet eine Möglichkeit der Klassifizierung von Kooperationsbeziehungen anhand des Grades des Transaktionsrisikos sowie der Ausprägung der Vertrauensbasis. Hier kann strategisches Beziehungsmanagement ansetzen.
  • Als Teil eines ganzheitlichen Business Developments sollten Geschäftsbeziehungen aktiv und strategisch geplant, ausgebaut und gepflegt werden. Nur so entsteht eine nachhaltige Vertrauensbasis als Grundlage einer langfristigen Zusammenarbeit und Partnerschaft.

 

---

Wie immer freue ich mich über Ihr Feedback und Ihre Erfahrungsberichte. Nutzen Sie dazu als Mitglied die Kommentarfunktion am Ende dieses Beitrags, oder tauschen Sie sich im Forum mit anderen Mitgliedern zu diesem oder weiteren relevanten Themen aus.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg beim Unternehmen besser machen.

Herzlichst, Ihr

Dirk M. Hellmuth